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Die Pille gegen Übergewicht, Wirklichkeit oder Wunschdenken?
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 9/2002

1995 war es das Hormon Leptin. Gerade hatte es mollige Mäuse mager werden lassen, und schon träumten die Wissenschaftler von der Pille gegen Pfunde. Nur, was bei Mäusen wirkte blieb bei Menschen wirkungslos. Jetzt steht ein neuer Kandidat im Labor: Das Hormon PYY3-36. Welche Chance hat die Pille gegen Pfunde, und wird sie das, was die Meisten von ihr erwarten: ein Freibrief zum Futtern?

Hunger ist ein Gefühl und wie alle Gefühle wird es durch Hormone reguliert. Doch welches unter den vielen ist das Hungerhormon und wie wirkt es? Das ist eine Milliarden-Dollar-Frage, denn wer die Antwort weiß, hat bald fast jeden zweiten erwachsenen Bürger aller Industrieländer zum Kunden. So viele sind es nämlich, die zu dick sind. Und die geben alleine in den USA jährlich mehr als 30 Milliarden Dollar für Schlankheitsprodukte aus.

Kein Wunder also, dass 1995 eine Biotechfirma das Patent auf Leptin für 25 Millionen Dollar kaufte. Dieses Hormon hatte in den Labors seiner Entdecker mollige Mäuse mager werden lassen. Bei Menschen aber blieb die erhoffte Wirkung aus. In der Zwischenzeit haben unsere Wissenschaftler einen ganzen Hormoncocktail ausgemacht, der unseren Hunger und Appetit regelt. Der neueste Liebling der Labors heißt PYY3-36. Freiwilligen Versuchspersonen, denen der Wissenschaftler Stephen Bloom am Imperial College in London in einem Blindversuch das Hormon verabreichte, aßen rund 30% weniger als ihre Kollegen, die es sich ohne Hormongabe schmecken ließen. Damit hat PYY3-36 zwar einen besseren Eindruck hinterlassen als Leptin, gibt aber auch keinen Anlass zu übertriebenen Hoffnungen. "Sie essen vielleicht nur zwei Portionen anstatt der üblichen drei" sagt Bloom. Damit könnte PYY3-36 wohl zumindest jenen helfen, die Hungerattacken während und nach Diäten überwinden wollen. Zur "iss-was-du-willst-und-werd-schlank Pille taugt PYY3-36 aber gewiss nicht. Denn der Lust-gesteuerte Hunger - der Appetit - kann den hormonal gesteuerten überschreiben. Und dieser Appetit wird sowohl durch den Geschmack des Essens als auch durch andere Gefühle und Erwartungen ausgelöst. Unsere Lust aufs Essen überschreibt auch die besten Bemühungen unserer Hormone, denn unsere Lust ist stärker als Leptin und seine Kollegen. Dass wir diese Lust, wie fast alles menschliche Verhalten, konditionieren können, sind gleich zwei gute Nachrichten in einer. Denn erstens, haben Sie damit ein Werkzeug in Ihrer eigenen Hand, mit dem Sie selbst Ihr Essverhalten konditionieren können. Und zweitens, brauchen Sie nicht noch jahrelang auf die Entwicklung einer Pille warten. Denn zwischen erfolgreichem Laborversuch und Abschluss der letzten klinischen Testphase vor der Markteinführung vergehen üblicherweise mindestens 10 Jahre. Und weniger als 10% der Medikamente, die auf diesen Hürdenlauf geschickt werden, schaffen es auch bis in Ihre Apotheke.

Und selbst wenn in 10 Jahren die Anti-Fett Pille tatsächlich Wirklichkeit geworden sein sollte ist sie mit Sicherheit nicht das, was die meisten Menschen sich von ihr erwarten. Sie ist keine Pille mit der man essen kann, was und wieviel man will und dann trotzdem nicht zunimmt. All die oben beschriebenen Versuche in den Labors haben nämlich eines gemeinsam: die Lust aufs Essen zu ändern, sodass man weniger isst.

Wie Sie diese Lust und damit Ihr Essverhalten selbst konditionieren können wissen die Psychologen schon seit einigen Jahren. Im Buch "Null Bock auf Diät", erfahren Sie wie das geht.

 
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