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Abnehmen ist Willenssache, oder?
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 9/2002

Nur 5% aller Diätwilligen schaffen es, ihr Gewicht zu reduzieren und über einen längeren Zeitraum zu halten. Zu dem Schluss kommt die US-amerikanische Food & Drug Administration. Da ist die Frage erlaubt: Sind die übrigen 95% wirklich so willlensschwach, oder liegt es am Ende gar nicht mal am Willen? 

Die "Guten Vorsätze" sind Briefe an die falsche Adresse.

Dass unsere Lust auf Süßes oder Alkohol, auf Fettes oder Salziges immer wieder über unsere guten Vorsätze triumphiert, hat eine psychologische Ursache:

Nicht unser Bewusstsein (mit dem wir die guten Vorsätze fassen) ist der Chef unseres Handelns, sondern unser Unterbewusstsein und genau dort ist die Lust zu Hause. Das ist eine der verblüffenden Erkenntnisse der Psychologen und Biologen. Dass Lust aber auch trainierbar ist wie das Tennisspielen oder Autofahren, ist die andere.

So überraschend wie das klingt ist es aber nicht. Bewusstsein ist eine relativ neue Errungenschaft der Evolution, die erst durch die Entwicklung der Hirnrinde bei den höheren Säugetieren entstand. Aber schon deren primitivste Vorfahren, die noch kein Bewusstsein hatten, mussten in der Lage sein, ihr Verhalten durch Lernen an eine beständig wechselnde Umwelt anpassen zu können. Ohne diese Fähigkeit überlebt es sich schlecht. Verhaltenssteuerung war also von Anfang an eine unterbewußte Sache.

Dass das so sein musste, können Sie sich selbst ganz schnell klarmachen:

Versetzen Sie sich einmal in unsere ältesten menschlichen Urahnen. Die hatten weder Ernährungsberater noch Supermäkte. Aber dafür das dringende Bedürfnis Essbares zu jagen oder zu sammeln.

Was die wirklich brauchten, waren zwei Fähigkeiten, nämlich erstens Essbares von Ungenießbarem zu unterscheiden und zweitens, wenn sie erst mal was Genießbares gefunden oder erlegt hatten, sich daran zu erinnern, wie Sie das geschafft hatten, damit Sie es von da an immer wieder so machen konnten. Dieser Mechanismus musste nicht nur bei unseren Urahnen funktionieren, sondern schon Millionen Jahre früher auf den untersten Sprossen der Leiter der Evolution. Dort nämlich waren Bewusstsein und Verstand noch gar nicht erfunden und gerade deswegen brauchten diese Organismen ein Programm, das ohne Bewusstsein funktionierte und das ihr Verhalten so steuerte, dass sie auch in einer sich oft dramatisch wandelnden Umwelt überleben und sich fortpflanzen konnten. Dieses Programm nennen die Psychologen den Lernmechanismus. Er sitzt heute noch dort, wo ihn Mutter Natur ursprünglich eingravierte, im ältesten Teil unseres Hirns, weit unterhalb von Bewusstsein und Verstand der Hirnrinde und außerhalb ihres Zugriffs.

Die Schwelle zu unserem Appetit sind die rund 10.000 Geschmacksknospen in Mund und Kehle. Obwohl unterschiedliche Kulturen völlig unterschiedliche Vorlieben entwickelt haben, unterscheiden wir doch alle süß von sauer und bitter von salzig. Hinzu kommt umami, der Geschmack von Glutamat. Diese fünf Geschmacksempfindungen sind fest in unserem Nervensystem verdrahtet.

Das dient zwei Zwecken: den Organismus vor dem Verzehr giftiger Substanzen zu bewahren, und die Aufnahme von Nährstoffen, wie Zucker und Salz, zu regulieren. So schmecken giftige Pflanzen oft bitter und Energiespender meist süß.

Knapp formuliert: Bitter heißt schlecht, und süß heißt gut.

Über diesen Geschmack erkannten unsere Urahnen, was gut für sie ist und was ihnen schadet.

Sie konnten blind ihren Geschmackssignalen folgen, ohne ein Zuviel an Zucker oder Fett fürchten zu müssen. Zucker fanden sie ja nur in der Form langsam verdaulicher komplexer Kohlehydrate in Obst und Grünzeug. Lediglich Honig ist eine natürliche Quelle der schnell verdaulichen Einfachzucker. Und Fett mussten sie jagen oder angeln. Für Mutter Natur gab es also keine Notwendigkeit, die Lust auf süss, fett oder salzig zu zügeln. Ganz im Gegenteil. Nur ein starker Trieb, diese Lust zu befriedigen sicherte das Überleben unter den rauhen Bedingungen.

Mit dieser ungezügelten Lust stehen wir heute vor den nie leer werdenden Regalen der Supermärkte. Was die Nahrungsmittel-fabrikanten da hinein legen feuert mit enormen und gut kaschierten Mengen reinen Zuckers unsere Lust auf Cola, Cracker und Creme an. 34,3 Kilo Zucker essen wir Deutsche pro Jahr und pro Kopf. "Ich aber nicht" sagen Sie jetzt. "Doch" sagt die Zuckerindustrie, denn die Firma Südzucker gibt auf ihrer Webseite offen zu, dass nur 20% dieser Menge als sichtbarer Zucker in Ihrem Kaffee und Ihrem Kuchen landen. Die übrigen 80% stecken in den Softdrinks und Schokoriegeln und überall dort, wo Sie gar keinen Zucker vermuten: in den Tomatenketchups und sauren Gurken zum Beispiel.

Kein Wunder also, dass 95% all jener, die mit dem Zeug zu dick geworden sind und wieder abnehmen wollen, dies nicht schaffen. Zumindest nicht mit den guten Vorsätzen, mit denen jede Diät begonnen wird. Nur wer es schafft, seine Lust umzukonditionieren auf Gesundes wird und bleibt schlank. Dass, und wie das geht erklärt Ihnen das Buch "Null Bock auf Diät".

 

 
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