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Übergewicht: die verschleierte Epidemie.
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 10/2002

Jeder zweite Deutsche ist zu dick, und auch jeder zweite Deutsche stirbt an einem kaputten Kreislauf oder einem lädierten Herzen. Diese Zahlen sind nicht zufällig gleich. Übergewicht ist Ursache Nummer eins für Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes und Gallensteine. Auf jährlich mindestens 11 Milliarden Euro schätzt das Bundesgesundheitsministerium die Kosten der Korpulenz. Dieser Wert erscheint untertrieben, wenn man bedenkt, dass die Amerikaner jährlich 70 Milliarden Dollar für den Flurschaden des Fetts berappen. Der Trend ist in allen Industrienationen steigend. Zwischen 2% und 8% ihrer Gesundheitskosten gehen heute schon zu Lasten krankhaften Übergewichts. Jede andere Krankheit, der so viele Menschen und soviel Geld zum Opfer fallen, würde zur Epidemie erklärt. Warum nicht Übergewicht?

Das liegt wohl am Stigma der Krankheit.

78% aller übergewichtigen Amerikaner berichten, dass sie von Ärzten manchmal oder häufig wegen ihres Übergewichts respektlos behandelt würden (Rand & McGregor, 1990). Kein Wunder, denn umgekehrt beschreiben Ärzte ihre übergewichtigen Patienten als willensschwach, ungeschickt und hässlich. 16% aller amerikanischen Arbeitgeber würden übergewichtige Frauen "wahrscheinlich nicht" und weitere 44% "unter keinen Umständen" einstellen (Brownell & Fairburn, 1995).

Wer glaubt, wir Deutschen seien da toleranter, irrt sich gewaltig.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung stellte schon 1980 in einer Untersuchung fest, dass nur 3% unserer Landsleute Übergewichtige in ihren Freundeskreis aufnehmen wollten. Zehn Jahre zuvor waren es immerhin noch 40%. Schon sechsjährige Kinder assoziieren mit der Silhouette eines dicken Kindes Eigenschaften wie faul, dreckig, dumm und unansehnlich (Staffieri, 1967).

Heute wissen wir fast alles über Kalorien, Kilos und Kohlehydrate. Wir geben jährlich einige Milliarden Mark für Fettarmes und Modediäten aus.

Warum also helfen uns all die Bücher, Pillen und Pulver nicht, wenn darin doch das geballte Wissen unserer Ernährungswissenschaftler steckt? Weil alle nur vom Dicksein reden, aber keiner von der Lust auf das, was dick macht.

Vor gedünsteten Karotten läuft kaum einem das Wasser im Mund zusammen. Bei Schweinshax'n und Knödel sieht das schon anders aus. Die Diätendrechsler wissen das natürlich auch, und deshalb machen sie einem gerne weis, man könne mit ihren Programmen abnehmen, ohne auf den Genuss zu verzichten.

Was dabei herauskommt, sind Ernährungspläne, die bestenfalls nichts taugen, meistens aber sogar die Gesundheit verpfuschen.

"Zum größten Teil wirkungslos", lautet deshalb auch das Fazit aus der jüngsten Überprüfung von Schlankheitsmitteln der "Stiftung Warentest".

Die Barmer Krankenkasse warnt auf ihrer Webseite (www.barmer.de): "Kaum eine der gängigen Diäten hält, was sie verspricht."

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zeigt im Internet (www.dge.de), wie man mit einer Checkliste den Diätpfuschern auf die Schliche kommt:

"Vertrauen Sie keinem Diätprodukt,

das verspricht, dass Sie damit schnell, problemlos und ohne eigene Aktivität abnehmen können.

bei dem Sie angeblich nach wie vor alles essen können, was Sie wollen.

das eine bestimmte Gewichtsabnahme verspricht, z.B. "3 Pfund weniger in 2 Tagen".

das Erfolgsgarantien gibt oder diesen Eindruck vermittelt.

das mit Vorher/Nachher-Bildern oder Aussagen von Einzelpersonen wirbt.

bei dem Wirkmechanismen unzureichend erklärt sind.

das Zusatzkäufe nötig macht, z. B. Ohrstecker, Badezusätze, elektrische Geräte.

das nur über eine Briefadresse, vor allem im Ausland, erhältlich ist.

Diät-Maßnahmen sind seriös,

wenn sie eine langsame, langfristige Gewichtsabnahme anstreben.

wenn das Gewicht mindestens ein Jahr lang gehalten wird.

wenn individuelle Vorlieben beim Essen, Trinken und Bewegen berücksichtigt werden.

wenn gesundheitsbewusstes Verhalten gefördert wird (genussvolles, gesundes Essverhalten, angemessene Bewegung, regelmäßige Kontrolle von Risikofaktoren für Folgekrankheiten).

wenn sie keine Nebenwirkungen haben"

Nur, diese Weisheiten schaffen halt unsere Lust auf Schweinshax'n und Knödel nicht aus der Welt. Was wir brauchen, ist eine Lust auf Gesundes, denn die Natur hat uns glücklicherweise so eingerichtet, dass wir automatisch schlank werden, wenn wir uns nur richtig ernähren; und das geht ganz ohne Diäten oder Kalorientabellen.

Die schlanke Taille ist kein Zeichen für richtige Ernährung, vielmehr kommt die schlanke Taille mit der richtigen Ernährung von selbst.

Die Lust auf Gesundes können wir uns selbst beibringen. Mutter Natur hat uns diese Fähigkeit in unsere Gene geschrieben. Wie das funktioniert, ist Gegenstand des Buches "Null Bock auf Diät".

 
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