| Der
Schock kam aus Schweden. Im März diesen Jahres alarmierten
schwedische Wissenschaftler die Öffentlichkeit über
bislang ungeahnte Mengen einer krebserregenden Substanz in
Chips und Kräckern. Acrylamid war der Stoff, der den
Verbrauchern Panik brachte und den über ihn schwätzenden
Journalisten steigende Auflagen. Schlechte Nachrichten verkaufen
sich allemal besser als gute. Deshalb lesen wir heute auch
kaum etwas über die Entwarnung, die mittlerweile aus
den Labors der Wissenschaftler weltweit ausgegeben wurde.
Bis im Februar diesen Jahres war Acrylamid
für Otto Normalverbraucher so unbekannt wie ein ehrlicher
Politiker. Einen Monat später war es bereits in aller
Munde. Nicht nur bildlich gesprochen, denn was die schwedischen
Wissenschaftler da herausgefunden hatten, ging uns alle an.
Von Kartoffelchips über Pommes Frites bis hin zum geheiligten
Brot war angeblich alles Gebackene oder Frittierte mit Acrylamid
verseucht.
Die Fragen, die jedem von uns seither durch
den Kopf gingen, will ich Ihnen im Folgenden beantworten:
Was ist Acrylamid? Die
chemische Formel CH2CHCONH2 gebe ich Ihnen der guten Ordnung
halber, merken brauchen Sie sich die nicht. Acrylamid ist
ein Zwischenstoff in der Produktion von Polyacrylamid. Das
ist eine wichtige Substanz für die Papierindustrie. Polyacrylamid
wird aber auch als Ausflockungsmittel bei der Ab- und Trinkwasserreinigung
verwendet. In Kosmetika taucht es als Additiv auf, und in
Raucherlungen als Ablagerung aus Zigaretten. Rund 100.000
Tonnen Acrylamid werden alleine in der EU jährlich produziert.
Wie kommt das Plastik in mein Brot?
Schuld daran hat die sogenannte
Maillard Reaktion. Ausgangsstoff ist die Aminosäure Asparagin,
die eine dem Acrylamid sehr ähnliche Struktur besitzt.
Wird Asparagin zusammen mit Zucker erhitzt, entsteht unter
anderem Acrylamid. Je höher die Temperatur und je länger
die Hitzeeinwirkung um so mehr Acrylamid bildet sich. Dabei
muss offensichtlich eine Mindest-temperatur von 185 Grad Celsius
erreicht werden. Kochen alleine also bringt das Plastik nicht
in Ihr Futter. In Friteuse, Pfanne oder Backofen wirds
aber auch schon mal heisser als 185 Grad. Und da Kartoffeln
und bestimmte Getreidesorten einen sehr hohen Anteil an Asparagin
haben, ist es nicht verwunderlich, dass gerade Chips und Brot
auch größere Mengen Acrylamid enthalten. Herausgefunden
haben dies, unabhängig voneinander, Professor Don Motram
im Nahrungsmittelchemischen Labor der Universität in
Reading, England, und Richard Stadler am Nestle Forschungszentrum
in Lausanne.
Wie gefährlich ist Acrylamid?
bei der Beantwortung dieser Frage
werden Sie feststellen, dass unsere Journalisten oft mehr
Aufregung versursachen mit dem, was sie nicht sagen als mit
dem, was sie sagen. Die International Agency for Research
on Cancer (IARC) hat Acrylamid als "wahrscheinlich krebserregend"
eingestuft. Das Wörtchen "wahrscheinlich" tauchte in
den Sensationsberichten der Presse kaum auf. "Wahrscheinlich"
ist Wissenschaftsdeutsch für "nix genaues weis man nicht".
Woher die Unwissenheit? Säugetier-zellen, die man im
Reagenzglas dem Stoff ausgesetzt hatte, entwickelten Krebszellen.
Ratten und Fruchtfliegen, denen man über längere
Zeit Acrylamid ins Futter gegeben hatte, zeigten krebsartige
Gewebeveränderungen. Allerdings erst nachdem die Dosis
das tausendfache jener Menge erreichte, die die Tiere mit
ihrer üblichen Nahrung aufnahmen. Einen direkten Nachweis
für die karzinogene Wirkung beim Menschen konnte bislang
noch niemand erbringen. Trotzdem wurde Acrylamid in den Klub
potentieller Krebserreger aufgenommen. Das ist auch gut so,
denn die krebserregende Wirkung auf Menschen auszuschließen,
war bislang ja auch nicht möglich. Und mit der Einstufung
als "potentiell gefährdend" zwingt man die Gesundheitsbehörden
weltweit, die Konzentration dieses Stoffes in unserem Futter
und Wasser zu reglementieren und zu kontrollieren. Die schwedischen
Forscher wollten die Frage nach der wirklichen Gefährlichkeit
klären. Deshalb untersuchten sie das Blut von Laborkräften,
die mit Acrylamid arbeiten. Als sie erhöhte Acrylamidkonzentrationen
aber nicht nur in deren Blut, sondern auch im Blut anderer
Menschen fanden, die mit dem Stoff gar nicht in Berührung
gekommen waren, standen sie vor der Frage, wie Acrylamid ins
Blut kommt. Was lag da näher als auf den Teller zu schielen.
So gerieten Chips, Fritten und Brot überhaupt erst ins
Visier.
Welchen Mengen bin ich denn ausgesetzt?
Die britische Food Standard Agency
(FSA) frittierte in ihren Labors Chips und fand anschließend
zwischen 300 und 1100 Mikrogramm Acrylamid pro Kilo Chips.
Die Schweden, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen, schätzen,
dass der Mensch je nach Essgewohnheit bis zu 100 Mikrogram
oder 1,7 Mikrogramm je Kilo Körpergewicht zu sich nimmt.
Das ist tausendmal weniger als die Menge, die in Laborversuchen
bei Tieren Nervenschäden oder Krebs auslösten und
rund ein Fünftel der in der EU zulässigen Höchstmenge
Acrylamid in Nahrungsmitteln aber auch das 17-fache der in
einem Liter Trinkwasser zulässigen Menge.
Ist Acrylamid eine bislang nicht
dagewesene Gefahr? Ganz sicher
nicht, denn backen und frittieren tut der Mensch seit vielen
Generationen. Die Maillardreaktion lief in den Pfannen und
Öfen der alten Römer genauso ab wie in Ihrer Friteuse
oder denen von Macdonalds. Das heißt auch, dass der
Mensch dem Acrylamid schon wesentlich länger ausgesetzt
ist als die Ratten und Fruchtfliegen der Labors. Das könnte
zu einer höheren Toleranz beim Menschen geführt
haben. Doch auch dazu fehlt ein Nachweis.
Könnte Acrylamid auch aus dem
Verpackungsmaterial in die Nahrung kommen? Das
fragten sich die Forscher auch. Die FSA kommt zu einem klaren
"Nein".
Soll ich die Garzeiten verkürzen?
Kochen können Sie solange
Sie wollen. Die Maillardreaktion springt erst ab Temperaturen
an, die deutlich über den beim Kochen entstehenden 100
Grad liegen. Auch beim Fritieren heißt die Antwort eigentlich
"nein", denn die Risiken bakterieller Infektionen aus nicht
ausreichend erhitzten Nahrungsmitteln sind größer
als das Risiko einer Überdosierung von Acrylamid.
Soll ich meine Essgewohnheiten ändern?
Wenn Sie übergewichtig sind
oder sich sonst ungesund ernähren, ja. Wegen Acrylamid
alleine brauchen Sie nichts zu ändern. |