| Für
die Kamera beißt George Inglett genüßlich
in sein Gebäck. Seit 1995 doktert der Chemiker an der
Herstellung eines Fettersatzes, den er ursprünglich "fake
fat" - gefälschtes Fett - nannte. Inzwischen heißt
sein Fett aus der Retorte, das eigentlich gar kein Fett ist,
Z-Trim. Sowohl sein Hersteller als auch viele Verbraucher
freuen sich auf die bevorstehende Zulassung des Null-Kalorien
Lieferanten. Die einen, weil der Markt für Fettersatzstoffe
alleine in den USA auf jährlich US$ 365 Millionen geschätzt
wird und die anderen weil sie sich auf Chips und Gebäck
ohne Gewissensbisse freuen. Mit Sorge schauen auf das Zeug
aus dem Labor nur jene Nörgler, die glauben Ernährung
sei mehr als nur Kalorienzählen. Da die Firma Circle
Group Internet, Inc. aus Mundelein, Illinois für Z-Trim
nun die Zulassung bei der US-amerikanischen Food & Drug
Administration beantragt hat, ist es an der Zeit, sich über
den Sinn und Unsinn solcher Produkte ein paar Gedanken zu
machen.
Fettersatzstoffe lassen
sich in zwei Gruppen einteilen: Fette und Nicht-Fette.
Zur ersten Gruppe
gehört Olestra, das die Firma Procter & Gamble unter
dem Markennamen Olean vertreibt (allerdings nur in den USA,
denn die europäischen Behörden haben Olean die Zulassung
verweigert). Wie alle anderen Stoffe dieser Gruppe ist Olestra
ein synthetisches Fettmolekül. Es ersetzt Fett also nicht,
es ist Fett. Die Chemiker basteln es aus Zucker und Pflanzenöl.
Wenn Sie sich das Zeug aufs Brot schmieren, verdauen Sie kein
Gramm davon. Und zwar aus dem gleichen Grund aus dem Sie auch
kein Holz verdauen, obwohl das aus den gleichen Kohlehydraten
besteht wie das Salatblatt: das Molekül ist zu groß.
Sofern Sie "Null Bock auf Diät" gelesen haben, wissen
Sie, dass Fettsäuren aus dreikettigen, mehr oder weniger
langen Molekülen bestehen. Olestra packt 6 - 8 lange
Ketten in ein Molekül und hat damit eine Struktur, mit
der die Enzyme unseres Darmes nichts anzufangen wissen. Olestra
kriegen die nicht klein und damit bleibt es im Darm und kommt
gar nicht erst ins Blut.
Da Olestra aber ein
Fett ist, hat es die gleichen Geschmackseigenschaften wie
jene Fett, die unsere Zunge kennen und lieben gelernt hat.
Deshalb schmecken in Olestra frittierte Pommes und Chips (Pringle's
Potato Chips) genauso wie in echtem Fett gebackene, haben
aber keine Fettkalorien. Da die bei Chips rund 50% der gesamten
Kalorien ausmachen, dürfen die Olean Chips sich den Titel
"fettreduziert" auf die Packung kleben.
Was ist daran schlecht?
Die Antwort wissen jene, die "Null Bock auf Diät" gelesen
haben, obwohl da noch gar nichts drin steht von Fettersatzstoffen.
Denn dort haben Sie gelernt, dass die Vitamine A, D, E und
K fettlösliche Vitamine sind, die wir nur über das
Fett in unserer Nahrung aufnehmen können. Wie sollen
die aber in unser Blut kommen, wenn das Vehikel, das sie dort
hin transportieren soll, im Darm hängenbleibt? Jene Wissenschaftler,
die nicht im Sold der Nestles und Procter & Gambles stehen,
sorgen sich deshalb über die Möglichkeit von Mangelerernährung
in unserer fettfürchtigen Gesellschaft, die mehr auf
die Kalorie schielt als auf den Nährstoffgehalt ihres
Essens. So ist das Vitamin D wichtig für den Kalziumhaushalt,
der über die Güte unserer Knochen entscheidet. Gerade
ältere Frauen könnten sich einem erhöhten Osteoporoserisiko
aussetzen, wenn sie die natürlichen Fette in ihrer Nahrung
vermehrt durch Olean und Genossen ersetzen. Auch die Karotinoide,
die sie in "Null Bock auf Diät" unter der Bezeichnung
sekundäre Pflanzenstoffe kennen gelernt haben, leiden
unter einer olestrareichen Ernährung. So hat man bei
Versuchspersonen festgestellt, dass Olestragenuss die Konzentration
von Karotinoiden im Blut senkt. Die aber sind bekannt für
ihre schützende Wirkung vor Herzerkrankungen und Prostatakrebs.
Zuviel dieser unverdaulichen
Fette im Essen haben darüber hinaus einen unappetitlichen
Nebeneffekt. Sie fetten die Darmwand so ein, dass der Schließmuskel
den schmierigen Brei nicht mehr halten kann. Die resultierende
Sauerei im Slip muß ich wohl nicht näher beschreiben.
Neben dem Olestra
experimentieren die Wissenschaftler derzeit an einer ganzen
Reihe weiterer Fettersatzstoffe. Alles synthetische Moleküle
die es so in der Natur nicht gibt. Schon deren Namen, wie
Plyglycerinester, Tricarballylester oder Caprenin erinnern
mehr an Plastik als an Essbares.
Was also ist von Z-Trim
zu halten das aus Hafer, Soya- oder Reisschalen gewonnen wird,
gar kein Fett ist und zumindest ein natürliches Produkt?
Diese Fettersatzstoffe, die keine Fette sind, transportieren
genauso wie die synthetischen Fette keine fettlöslichen
Vitamine ins Blut. Zwar liefern sie auch Null Kalorien können
aber das Fett in den Fritten nie ganz ersetzen. Denn Geschmack
und "Mundgefühl", das also, was fettes Futter so attraktiv
macht, fehlt diesen Nicht-Fetten. Sie können nur zusammen
mit den echten Fetten zum Einsatz kommen. Und damit ist die
Möglichkeit der Kalorienreduktion deutlich geringer als
bei den synthetischen Fetten.
Wie also kommen wir
aus der Zwickmühle, wenn wir einerseits weiter genießen
wollen wie bisher, aber andererseits abnehmen sollen und uns
gesünder ernähren? Mit den Fettersatzstoffen schaffen
wir's wohl nicht. Denn die Z-Trims geben uns nicht den gleichen
Genuss und mit den Olestras treiben wir den Teufel mit dem
Beelzebub aus. Wer "Null Bock auf Diät" gelesen hat kennt
die Lösung: indem wir uns Lust auf das machen, wofür
wir genetisch gebaut sind. Damit bleiben wir nämlich
schlank und gesund und sichern uns ein leichtes längeres
Leben. Und das frei vom Diätenwahn und Kalorienzwang
und mit viel Freude am Essen.
George Ingletts genüßliches
Grinsen ändert daran nichts. Denn er denkt an den Jackpot
der jährlichen US$ 365 Millionen mindestens so sehr wie
an die Cookies auf seinem Teller.
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