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Hans-Josef Brinkmann Anfang diesen Jahres seinen Prozess gegen
Masterfoods und Coca Cola verlor, war vorhersehbar. Der übergewichtige
Richter verklagte die Schokoriegel- und Softdrinkproduzenten
auf Mitschuld an seiner Diabetes. Die hätten, so meinte
er, ihre Produkte mit Warnungen gegen den regelmäßigen
Genuß ihres stark zuckerhaltigen Zeugs auszeichnen sollen.
Den Freispruch für die Zuhälter des Zuckers begründete
das Gericht mit dem fehlenden Nachweis eines ursächlichen
Zusammenhangs zwischen hohem Zuckerkonsum und Diabetes. Damit
hatte das Gericht formal recht. Das ganze Verfahren jedoch
ruhte auf dem falschen Ansatz. Denn unsere genetisch programmierte
Lust auf Süßes ist es, die uns immer wieder zu
dem zuckerhaltigen Zeug der Coca Colas, Macdonalds und Nestles
treibt. Die nutzen diesen Trieb geschickt aus. Sie packen
Zucker in alle nur denkbaren Speisen, vor Allem in jene, in
denen wir gar keinen Zucker vermuten, wie zum Beispiel in
Tomatenketchup und saure Gurken. Deshalb kommen wir Deutsche
auf einen jährlichen pro-Kopf Verbrauch von rund 34 Kilo
Zucker. Nur 20% dieser monatlichen fast drei Kilo schütten
Sie sich in Ihre Cappuccinos und Kuchen. Mit den übrigen
80%, 27 Kilo also, machen uns die Nahrungsmittelfabrikanten
süchtig auf jene Sachen, die sie uns in die Supermarktregale
legen.
Wie kann es sein, dass Zucker süchtig macht? Lange bevor
Mutter Natur den Menschen schuf erfand sie den Appetit - die
Lust aufs Essen. Wer vor Millionen von Jahren durch die Savannnen
und Wälder streifte, hatte weder Ernährungsberater,
die ihm erklärten was essbar ist, noch den Verstand die
zu begreifen, hätte es sie denn gegeben. Dass die Urahnen
des Menschen trotzdem in nahezu allen Klimazonen ihrer Welt
überleben konnten, verdankten sie dem Appetitprogramm,
das Mutter Natur in ihre primitiven Hirne eingebrannt hatte
und den Geschmacksknospen auf ihren Zungen. Sobald die mit
Süßem in Berührung kamen ,wußte das
Stammhirn, daß das, was da im Mund gekaut wurde, lebenswichtige
Vitamine, Kohlehydrate und Flavonoide lieferte. Denn das Futter
hatte Mutter Natur mit dem Marker versehen, der auf unseren
Zungen das Geschmackserlebnis "süß" auslöst
- dem Zucker. Oder genauer gesagt, den einfachen Kohlehydraten.
Damit der Organismus, der da kaute, sich jenes süß
schmeckende Futter in ausreichender Menge besorgte, machte
ihm das Appetitprogramm Lust darauf und trieb ihn so immer
wieder zurück. Dieselbe Lust treibt uns heute zu den
Supermarktregalen, den Burgerbuden und Getränkeautomaten.
Was uns die Nahrungsmittelfabrikanten da hineinstellen, feuert
mit verstecktem Zucker unser Appetitprogramm an. Unser Verstand
und all seine guten Vorsätze haben keinen Einfluss darauf,
denn Verstand und Bewußtsein residieren in der wesentlich
jüngeren Hirnrinde, und die hat auf das darunter liegende
Stammhirn und seine Betriebssoftware Appetit keinen Zugriff.
Die 80% Zucker, die uns die Nahrungmittelfabrikanten unnötigerweise
jährlich in unser Essen schmuggeln liefern rund 110.000
Kilokalorien. Da des Körpers Speicher für Kohlehydrate
nur sehr klein sind, muß er die vom Zucker gelieferte
Energie in Fett umwandeln und speichern. Die 27 Kilo unnützer
Zucker legen Ihnen damit jährlich rund 12 Kilo Fett auf
Hüften, Po und Schenkel. Ohne diesen unnützen Köderzucker
wären Sie Ihrer Traumfigur um 12 Kilo näher. Und
das ohne Ihre Essgewohnheiten zu ändern.
Nun wird Ihnen wohl auch klar, warum der Zucker auf der falschen
Anklagebank saß und deshalb freigesprochen wurde. Dass
er Diabetes auslöst, konnte ja bislang nicht bewiesen
werden. Dass er süchtig und dick macht, steht indes außer
Zweifel. Nur das wurde ihm in dem Verfahren nicht zur Last
gelegt. Das könnte sich bald ändern.
Denn Widerstand gegen der Futterfabrikanten unverantwortlichem
Wirtschaften mit dem Wohlergehen ihrer Kunden beginnt sich
nun auch im Heimatland des ungesunden Essens zu regen - den
USA.
Da veranstaltet die Burgerbude Macdonalds so genannte Teachers
Nights, in denen Lehrer einen Abend lang Fritten schwenken
und Hamburger backen. 20% des Erlöses dieser Veranstaltungen
fließen in die Kassen der Schulen, die ihre Lehrer für
die Brutzelei gewinnen konnten. Rund eine halbe Million US$
kamen im Laufe der letzten zwei Jahre zusammen. "Wir unterstützen
mit der 'McTeacher's Night' den Absatz von Produkten, die
für die epidemienhafte Fettleibigkeit unserer Kinder
und Herzerkrankungen verantwortlich zu machen sind", wehrt
sich Rebecca Coolidge, die an der Martin Elementary School
in San Francisco unterrichtet. Dass 13% der amerikanischen
Kinder schwer übergewichtig sind, hatte die Schulen Oaklands
dazu veranlasst, seit Anfang diesen Jahres den Verkauf von
Süßigkeiten und Softdrinks vom Schulgelände
zu verbannen. Und nun greift Fritten, Burger & Co. durch
die Hintertür wieder nach den kleinen Kunden.
Ein Sprecher des Bulettenclowns Ronald Macdonald bezeichnet
die Aktion als "Fund-Raising-Event", der Geld in die chronisch
leeren Kassen amerikanischer Schulen spülen soll. Und
natürlich auch einen ordentlichen Betrag in die Taschen
des Konzerns, möchte man hinzufügen. Denn eines
darf man trotz des rosaroten Anstrichs nicht vergessen: es
ist nicht der wohltätige sondern der wirtschaftliche
Zweck der unternehmerisches Handeln bestimmt. Das ist auch
richtig und gut so. Das eine im Mäntelchen des anderen
zu verpacken mag ja manchmal vorteilhaft sein für alle
Beteiligten. In diesem Fall aber, wo es um die Gesundheit
jener geht, die wehrlos den Manipulationen der Futterfabrikanten
ausgesetzt sind, ist der Anstrich der guten Tat schlicht unethisch.
Richter Brinkmanns Angriff gegen die Riesen der Nahrungsmittelindustrie
hat etwas mit dem Kampf des Don Quichote gegen die Windmühlen
gemeinsam. Und wenn's nur die Lacher sind, die der arme Richter
geerntet hat. Aber gelacht hat man auch als das erste Krebsopfer
den Zigarettenkonzernen die gelben Zähne zeigte. Wo denn
die Selbstverantwortung geblieben sei, so hatten sich viele
gefragt, die genau wie das Krebsopfer von der Schädlichkeit
des Nikotins wußten. Doch als bekannt wurde, dass die
Marlboros und Stuyvesants nicht nur Tabak in ihre Glimmstengel
packen, sondern diese auch noch mit zusätzlichen süchtig
machenden Substanzen anreichern, da kannten die Juroren der
Schadensersatzprozesse keine Gnade mehr. Auch wenn der Zucker
selbst nicht so schädlich ist wie das Nikotin, was die
Nahrungsmittelkonzerne damit machen, ruiniert unsere Gesundheit.
Es bedarf lediglich eines unzufriedenen Laborassistenten,
der seinem Arbeitgeber die absichtliche Verwendung des Zuckers
als Suchtstoff nachweist und den Nahrungsmittelfabrikanten
könnte das Lachen über Richter Brinkmann schnell
vergehen.
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