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Die Sucht auf Süßes und die Zuckermafia.
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 11/2002

Dass Hans-Josef Brinkmann Anfang diesen Jahres seinen Prozess gegen Masterfoods und Coca Cola verlor, war vorhersehbar. Der übergewichtige Richter verklagte die Schokoriegel- und Softdrinkproduzenten auf Mitschuld an seiner Diabetes. Die hätten, so meinte er, ihre Produkte mit Warnungen gegen den regelmäßigen Genuß ihres stark zuckerhaltigen Zeugs auszeichnen sollen. Den Freispruch für die Zuhälter des Zuckers begründete das Gericht mit dem fehlenden Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen hohem Zuckerkonsum und Diabetes. Damit hatte das Gericht formal recht. Das ganze Verfahren jedoch ruhte auf dem falschen Ansatz. Denn unsere genetisch programmierte Lust auf Süßes ist es, die uns immer wieder zu dem zuckerhaltigen Zeug der Coca Colas, Macdonalds und Nestles treibt. Die nutzen diesen Trieb geschickt aus. Sie packen Zucker in alle nur denkbaren Speisen, vor Allem in jene, in denen wir gar keinen Zucker vermuten, wie zum Beispiel in Tomatenketchup und saure Gurken. Deshalb kommen wir Deutsche auf einen jährlichen pro-Kopf Verbrauch von rund 34 Kilo Zucker. Nur 20% dieser monatlichen fast drei Kilo schütten Sie sich in Ihre Cappuccinos und Kuchen. Mit den übrigen 80%, 27 Kilo also, machen uns die Nahrungsmittelfabrikanten süchtig auf jene Sachen, die sie uns in die Supermarktregale legen.

Wie kann es sein, dass Zucker süchtig macht? Lange bevor Mutter Natur den Menschen schuf erfand sie den Appetit - die Lust aufs Essen. Wer vor Millionen von Jahren durch die Savannnen und Wälder streifte, hatte weder Ernährungsberater, die ihm erklärten was essbar ist, noch den Verstand die zu begreifen, hätte es sie denn gegeben. Dass die Urahnen des Menschen trotzdem in nahezu allen Klimazonen ihrer Welt überleben konnten, verdankten sie dem Appetitprogramm, das Mutter Natur in ihre primitiven Hirne eingebrannt hatte und den Geschmacksknospen auf ihren Zungen. Sobald die mit Süßem in Berührung kamen ,wußte das Stammhirn, daß das, was da im Mund gekaut wurde, lebenswichtige Vitamine, Kohlehydrate und Flavonoide lieferte. Denn das Futter hatte Mutter Natur mit dem Marker versehen, der auf unseren Zungen das Geschmackserlebnis "süß" auslöst - dem Zucker. Oder genauer gesagt, den einfachen Kohlehydraten. Damit der Organismus, der da kaute, sich jenes süß schmeckende Futter in ausreichender Menge besorgte, machte ihm das Appetitprogramm Lust darauf und trieb ihn so immer wieder zurück. Dieselbe Lust treibt uns heute zu den Supermarktregalen, den Burgerbuden und Getränkeautomaten.

Was uns die Nahrungsmittelfabrikanten da hineinstellen, feuert mit verstecktem Zucker unser Appetitprogramm an. Unser Verstand und all seine guten Vorsätze haben keinen Einfluss darauf, denn Verstand und Bewußtsein residieren in der wesentlich jüngeren Hirnrinde, und die hat auf das darunter liegende Stammhirn und seine Betriebssoftware Appetit keinen Zugriff.

Die 80% Zucker, die uns die Nahrungmittelfabrikanten unnötigerweise jährlich in unser Essen schmuggeln liefern rund 110.000 Kilokalorien. Da des Körpers Speicher für Kohlehydrate nur sehr klein sind, muß er die vom Zucker gelieferte Energie in Fett umwandeln und speichern. Die 27 Kilo unnützer Zucker legen Ihnen damit jährlich rund 12 Kilo Fett auf Hüften, Po und Schenkel. Ohne diesen unnützen Köderzucker wären Sie Ihrer Traumfigur um 12 Kilo näher. Und das ohne Ihre Essgewohnheiten zu ändern.

Nun wird Ihnen wohl auch klar, warum der Zucker auf der falschen Anklagebank saß und deshalb freigesprochen wurde. Dass er Diabetes auslöst, konnte ja bislang nicht bewiesen werden. Dass er süchtig und dick macht, steht indes außer Zweifel. Nur das wurde ihm in dem Verfahren nicht zur Last gelegt. Das könnte sich bald ändern.

Denn Widerstand gegen der Futterfabrikanten unverantwortlichem Wirtschaften mit dem Wohlergehen ihrer Kunden beginnt sich nun auch im Heimatland des ungesunden Essens zu regen - den USA.

Da veranstaltet die Burgerbude Macdonalds so genannte Teachers Nights, in denen Lehrer einen Abend lang Fritten schwenken und Hamburger backen. 20% des Erlöses dieser Veranstaltungen fließen in die Kassen der Schulen, die ihre Lehrer für die Brutzelei gewinnen konnten. Rund eine halbe Million US$ kamen im Laufe der letzten zwei Jahre zusammen. "Wir unterstützen mit der 'McTeacher's Night' den Absatz von Produkten, die für die epidemienhafte Fettleibigkeit unserer Kinder und Herzerkrankungen verantwortlich zu machen sind", wehrt sich Rebecca Coolidge, die an der Martin Elementary School in San Francisco unterrichtet. Dass 13% der amerikanischen Kinder schwer übergewichtig sind, hatte die Schulen Oaklands dazu veranlasst, seit Anfang diesen Jahres den Verkauf von Süßigkeiten und Softdrinks vom Schulgelände zu verbannen. Und nun greift Fritten, Burger & Co. durch die Hintertür wieder nach den kleinen Kunden.

Ein Sprecher des Bulettenclowns Ronald Macdonald bezeichnet die Aktion als "Fund-Raising-Event", der Geld in die chronisch leeren Kassen amerikanischer Schulen spülen soll. Und natürlich auch einen ordentlichen Betrag in die Taschen des Konzerns, möchte man hinzufügen. Denn eines darf man trotz des rosaroten Anstrichs nicht vergessen: es ist nicht der wohltätige sondern der wirtschaftliche Zweck der unternehmerisches Handeln bestimmt. Das ist auch richtig und gut so. Das eine im Mäntelchen des anderen zu verpacken mag ja manchmal vorteilhaft sein für alle Beteiligten. In diesem Fall aber, wo es um die Gesundheit jener geht, die wehrlos den Manipulationen der Futterfabrikanten ausgesetzt sind, ist der Anstrich der guten Tat schlicht unethisch.

Richter Brinkmanns Angriff gegen die Riesen der Nahrungsmittelindustrie hat etwas mit dem Kampf des Don Quichote gegen die Windmühlen gemeinsam. Und wenn's nur die Lacher sind, die der arme Richter geerntet hat. Aber gelacht hat man auch als das erste Krebsopfer den Zigarettenkonzernen die gelben Zähne zeigte. Wo denn die Selbstverantwortung geblieben sei, so hatten sich viele gefragt, die genau wie das Krebsopfer von der Schädlichkeit des Nikotins wußten. Doch als bekannt wurde, dass die Marlboros und Stuyvesants nicht nur Tabak in ihre Glimmstengel packen, sondern diese auch noch mit zusätzlichen süchtig machenden Substanzen anreichern, da kannten die Juroren der Schadensersatzprozesse keine Gnade mehr. Auch wenn der Zucker selbst nicht so schädlich ist wie das Nikotin, was die Nahrungsmittelkonzerne damit machen, ruiniert unsere Gesundheit. Es bedarf lediglich eines unzufriedenen Laborassistenten, der seinem Arbeitgeber die absichtliche Verwendung des Zuckers als Suchtstoff nachweist und den Nahrungsmittelfabrikanten könnte das Lachen über Richter Brinkmann schnell vergehen.

 
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