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Resveratrol - das Remedium des Rotweins
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 11/2002
Im Wein liegt mehr als Wahrheit!

Herzkrankheiten und Krebs töten 2/3 aller Europäer und Amerikaner. Seit rund 40 Jahren erklären uns die Mediziner, dass die Herzinfarktepidemie des 20. Jahrhunderts auf unsere verengten Adern zurückzuführen sei. Die würden wir uns mit zuviel Fett und Cholesterin zustopfen. Dass wir uns zuviel Fett auf den Teller legen, mag ja stimmen, doch in der Hetzjagd gegen das Cholesterin haben uns die Ärzte mehr als die Hälfte der Wahrheit verschwiegen. Jetzt müssen sie Farbe bekennen, und diese Farbe heißt rot, denn ausgerechnet im Rotwein haben die Wissenschaftler einen der potentesten Wirkstoffe gegen Herzkrankheiten, Arthritis und Alzheimer entdeckt, den die Natur zu bieten hat. Und um dessen Wirkungsweise zu erklären, müssen ausgerechnet die Ärzte zugeben, dass sie mit ihrer Litanei gegen das Cholesterin uns wohl die Lust am Essen, aber nicht die Herzkrankheiten genommen haben.
Richtig ist, dass Fett- und Cholesterinablagerungen unsere Arterien verengen. Diese Verengungen heißen im Doktorendeutsch Atheromatose. Kommt es zu einer vollständigen Blockade vor Ihrem Herzen, spricht Ihr Doktor vom Herzinfarkt und impft Sie mit einem schlechten Gewissen wegen Ihrer Essgewohnheiten (sofern Sie lange genug überleben, um des Doktors Diagnose zu lauschen). Was er Ihnen nicht erzählt ist, dass bereits vor 40 Jahren Zweifel an der Theorie der Atheromatose als Hauptursache der Infarkte laut wurden. Schon 1957 wiesen die Wissenschaftler Keely und Higginson darauf hin, dass die Atheromatose bei den afrikanischen Bantus zwar verbreitet sei, Herzinfarkte aber nicht.
Der Wissenschaftler Gore veröffentlichte 1968 das Ergebnis seiner weltumfassenden Studie: Nicht nur ist die Atheromatose bei Frauen und Männern gleichermaßen verbreitet sondern auch bei allen Volksgruppen der Welt. Dennoch sterben deutlich mehr Amerikaner und Europäer an Herzinfarkten als Asiaten. Bis dahin konnten sich die Mediziner noch mit genetischen Besonderheiten herausreden, die einige Volksgruppen angeblich weniger infarktanfällig machte. Seit 1992 ging das aber auch nicht mehr, denn da veröffentlichten S. Renaud und M. de Lorgeril ("Wine, alcohol, platelets, and the French paradox for coronary heart disease" Lancet 339), dass die Atheromatose in Frankreich wesentlich weniger Herzinfarkte verursachte als in den USA, in Irland oder England. Während in Toulouse und Lille nur 78 bzw 105 von jeweils 100.000 Menschen an Herzinfarkten starben, waren es in den USA 182, in Irland 348 und in England 380. Alle 4 Bevölkerungsgruppen hatten den gleichen Anteil Fett in ihrer Nahrung: rund 15% der gesamten aufgenommenen Kalorien. Dabei waren aber die Cholesterinkonzentrationen im Blut der Amerikaner am niedrigsten bei den Franzosen am höchsten (geringfügig höher als bei den Briten und Iren). Anstatt mit diesen Erkenntnissen die koronare Achse des Bösen - Fett und Cholesterin - zu entmythifizieren, gab man dem Phänomen den Namen "französisches Paradox" und dreschte munter weiter ein auf Cholesterin und Fett. Warum waren die Mediziner so verliebt in ihre Theorie und verschwiegen uns alles, was ihr widersprach? Weil zwei ihrer Kollegen für die Theorie 1985 den Nobelpreis für Physiologie erhalten hatten und damit zu Päpsten der Cholesteringläubigen nominiert worden waren. Dr M. S. Brown und Dr. J. L. Goldstein hatten bei ihrer Erforschung der Hypercholesterolämie, einem recht seltenen genetischen Defekt, eine hohe Konzentration des LDL Cholesterin (Sie wissen schon, das "schlechte" Cholesterin) als Ursache der Herzkrankheiten bei Hypercholesterolämiepatienten ausgemacht. Daraus schlossen sie dann auf die generelle Gefährlichkeit des Cholesterins. Und schon hatte die Koronargemeinde ihren offiziellen Buhmann.
Zurück zu den beiden findigen Franzosen. Die beließen es nicht beim Staunen und dem schönen Namen, sondern setzten das Stethoskop statistischer Analyse an. Was sie nach einigen Iterationen herausfanden, war wirklich verblüffend. Lediglich zwei Faktoren hatten einen Einfluß auf die durch Herzinfarkte verursachte Sterberate: Fett- und Weinkonsum. Wesentlich weniger Vierteleschlotzer erlagen einem Infarkt als Abstinenzler und Trinker anderer Alkoholika.
Mit dem französischen Paradox wurde plötzlich auch jene Vermutung wieder gesellschaftsfähig, die die stumm geschalteten Gegner des Cholesterinmythos bereits vor 40 Jahren geäußert hatten: nicht die Atheromatose ist schuld am Herzinfarkt sondern abnormale Blutgerinnsel. Die lassen sich nämlich in 90% aller tödlich verlaufenden Infarkte nachweisen. Wohl bleiben diese Blutgerinnsel bevorzugt in den Verengungen einer Arterie stecken und blockieren sie (Thrombose heißt das in der Intensivstation). Doch wo sich keine Gerinnsel bilden, bleiben auch keine stecken.
Es muß also etwas im Wein sein, das die Bildung solcher Gerinnsel verhindert. Weiterführende Untersuchungen zeigten, dass Rotwein nicht nur eine wesentlich wirkungsvollere Waffen gegen Blutgerinnsel ist, als Weißwein sondern auch die Cholesterinbalance im Blut zu Gunsten des (guten) HDL-Cholesterins verschiebt.
So stellte sich David Goldberg 1995 die Frage: Was in Gottes Namen hat die Farbe des Weins mit all dem zu tun? Da sind zum Beispiel die Phenole, und ganz besonders die Flavonoide Guercetin, Rutin, Catechin und Epicatechin. Die sind 10 - 20 mal wirkungsvollere Geschütze gegen Blutgerinnsel und die Bildung von Krebszellen als das anerkannt effektive Vitamin E.
Doch Menschen, die ausreichend Obst und Gemüse essen, kriegen auch ohne den Rotwein genug dieser Flavonoide.
Gibt es also noch eine andere Substanz, die ausschließlich im Rotwein schwimmt aber nicht in anderen Bestandteilen unserer Nahrung? Jawohl, die gibt's. Sie heißt Resveratrol und steckt in der Tat nur in roten Trauben (nur in der Haut, nicht im Fruchtfleisch) und allenfalls noch in Erdnüssen. Kein anderes Nahrungsmittel enthält die Substanz.
Gehen wir schnurstracks zum gegenwärtigen Stand der Forschung. Offensichtlich hat die Kombination von Resveratrol, Quercetin, Vitamin E, Vitamin C und dem Spurenelement Selen einen besonders stark schützenden Effekt. Schützend wogegen? Blutgerinnsel, und damit dem Herzinfarkt, aber auch Alzheimer, Arthritis und Krebs. Und wie kriegen wir genug davon auf unseren Teller? Mit Fisch (einmal wöchentlich genügt, mehr ist natürlich besser), viel Gemüse und Obst und vor Allem einem guten Glas Rotwein dazu. Schließlich gibt es, nach einer inoffiziellen Schätzung, wesentlich mehr alte Rotweintrinker als alte Ärzte.

 
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