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Die Absolution der Atkinsdiät. Freispruch oder Freikauf?
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 11/2002
Gestern noch gehörte die Atkins Diät zu den bad boys und heute soll sie plötzlich heilig gesprochen werden.

Gestern noch gehörte die Atkins Diät zu den bad boys und heute soll sie plötzlich heilig gesprochen werden. Zu oft haben die Journalisten die Verbraucher mit derartigen 180 Grad Wendungen aus voller Fahrt verschaukelt. Journalisten und ihre Arbeitgeber sind mehr an Ihrem Geld interessiert als an Ihrer Gesundheit. Deshalb lohnt es sich, hinter die Kulisse journalistischer Sensationsveranstaltungen zu schauen, bevor Sie für bare Münze nehmen, was Ihnen da vorgespielt wird. Der angebliche Ritterschlag der Wissenschaft für die Atkins Diät macht da keine Ausnahme.


Worum geht es überhaupt?
Um die Modediät des Dr. Robert C. Atkins, Gründer und medizinischem Direktor des nach ihm benannten Zentrums für ergänzende Medizin in New York.
Wer seinen Diätvorstellungen folgt, ißt viel Protein und keine Kohlehydrate, zumindest keine einfachen Kohlehydrate, also Nudeln aus weißem Mehl, Zucker etc.


Was hatte man bislang auszusetzen an dieser Diät?
Stein des Anstoßes war der hohe Proteingehalt dieser Diät. Protein an sich ist nichts schlechtes, ganz im Gegenteil, aber Protein schleppt zwei unerwünschte Kumpane mit: Fett und Cholesterin. Und die beiden sind seit rund 40 Jahren der Gottseibeiuns für die (zu Unrecht) cholesterinfürchtige Gemeinde.


Warum haben die Mediziner jetzt ihre Meinung geändert?
Haben sie gar nicht. Sie haben lediglich festgestellt, dass die Gefolgsleute der Atkins Diät die gleiche Menge Cholesterin im Blut haben wie jene, die auf die fett- und proteinarmen Diäten der Herzgemeinde schwören. Oder genauer gesagt, Dr. Westman vom Duke's Diät und Fitnesszentrum hat das an 120 freiwilligen Übergewichtigen festgestellt, die für 6 Monate einer der beiden Diäten folgten. Die Atkins Gruppe hatte in dieser Zeit im Schnitt 31 Pfund verloren, während es bei der anderen Gruppe nur 20 Pfund waren. Das Gesamtcholesterin fiel in beiden Gruppen nur leicht, aber die Atkins-Diäter hatten einen um11% erhöhten Spiegel des HDL (des sogenannten guten Cholesterins) im Blut, die andern nicht.


Was soll den nun falsch sein an diesen Ergebnissen?
Der gesamte Ansatz. Auf das Cholesterin hauen die Mediziner nun schon seit 40 Jahren ein. Dabei haben sie Ihnen in diesem Schaukampf die Hälfte der Wahrheit vorenthalten. Richtig ist, dass Fett- und Cholesterinablagerungen unsere Arterien verengen. Doch diese Verengungen sind nicht die Ursache von Herzinfarkten und Schlaganfällen (lesen Sie dazu auch unseren Artikel über das Resveratrol und Kapitel 6 des Buches "Null Bock auf Diät"). Bereits 1968 hatte der Wissenschaftler Gore in einer weltweiten Studie belegt, dass die Atherosklerose nicht nur bei Frauen und Männern, sondern auch bei allen Völkern der Welt gleich verbreitet ist. Dennoch sterben deutlich mehr Amerikaner und Europäer an Herzinfarkten als Asiaten, und wesentlich mehr Männer als Frauen. Der Grund sind Blutgerinnsel, die in 90% aller Herztode nachweisbar sind. Die bleiben in den arteriellen Engpässen stecken und würgen so die Blut- und Sauerstoffversorgung des Herzens ab. Wo sich aber keine Blutgerinnsel bilden, können auch keine stecken bleiben.
Über deren Erscheinen auf der Bühne des Stoffwechsels entscheidet aber nicht die Zahl der Schnitzel und Eier, die wir uns auf den Teller legen, sondern die Menge der komplexen Kohlehydrate, die wir links liegen lassen.
Denn in denen (den Früchten, Gemüsen und Vollkornprodukten) stecken die sekundären Pflanzenstoffe, und die sind alles andere als zweite Wahl. Diese auch als Flavonoide bekannten Stoffe machen die Paprika gelb, den Spinat grün und die Tomate rot. Rund 10.000 Flavonoide kennen die Wissenschaftler mittlerweile. Und obwohl deren Erforschung erst in den Neunzigern begann, wissen wir heute bereits, dass diese vormals vernachlässigten Bestandteile der Pflanzen (daher auch die Bezeichnung "sekundär", denn denen hatte man außer der Färbung nichts zugetraut) massive Geschütze gegen Krankheiten sind. Allen voran den Krebs und die Herz-Kreislauferkrankungen, die heute ja an jedem zweiten Todesfall schuld sind.
Jede Diät, die Ihnen Angst vor (komplexen) Kohlehydraten macht, oder Sie dazu ermuntert, sich mehr Protein und Fett auf den Teller zu legen als komplexe Kohlehydrate, ist unverantwortlicher Unsinn.
Um auf den verbalen Slalomläufen auflagengeiler Journalisten und Verleger nicht schwindelig zu werden, lassen Sie am besten Ihren gesunden Menschenverstand eingeschaltet. Der sollte Sie dann immer daran erinnern, dass der Mensch sich dann richtig ernährt, wenn er isst, wofür Mutter Natur ihn genetisch programmiert hat. Auch wenn Ihnen Wissenschaftler wie Herr Dr. Westman vom Duke's Zentrum was ganz anderes zu erzählen scheinen. Denn dieser gesunde Menschenverstand lässt Sie dann auch über den Finanzier und Sponsor der Westman'schen Untersuchung stolpern: Das Atkins Institut.

 
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