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Zwei Schritte vor und einer zurück!
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 12/2002

Die denkwürdigste medizinische Schlagzeile des Jahres 2002 kündigte weder eine neue Pille noch eine neue Behandlung an.

Sie verkündete vielmehr, dass das, worauf eine ganze Generation von Ärzten ihre weiblichen Patientinnen eingeschworen hatte, gar nicht so gut für sie ist: Die Hormotherapie.

Millionen älterer Frauen hatten fest daran geglaubt. Hormonpräparate, speziell die Kombination von Östrogen und Progestin, lindern die unangenehmen Begleiterscheinungen der Wechseljahre und schützen gleichzeitig Herz und Knochen.

Dann kam der Schlag aus den Labors der Women's Health Initiative in den USA. 16.600 Frauen jenseits der 60 hatten jeweils entweder eine Hormonpille oder ein Placebo verabreicht bekommen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Unter den hormonbehandelten Frauen gab es nicht nur mehr Herz- und Krebserkrankungen sondern auch mehr Schlaganfälle und Blutgerinnsel. Dass die Placebo einnehmenden Frauen etwas häufiger an Darmkrebs und Knochenbrüchen litten konnte die Hormontherapie nicht mehr retten.


In den wenigen Monaten seit Bekanntwerden der Studie haben viele Frauen ihre Hormonbehandlungen abgebrochen, oder sich geweigert eine solche zu beginnen. Dass die Frauen der Studie alle älter als 60 Jahre waren, macht die Ergebnisse nicht ohne weiteres übertragbar auf jüngere Frauen. Viele beginnen ja bereits in den Fünfzigern mit der Einnahme von Hormonen gegen Hitzewallungen und Nachtschweiß, die unangenehmen und typischen Begleiterscheinungen der Wechseljahre.
Nichtsdestotrotz lehnen auch viele Frauen in dieser Altersgruppe nun die Hormonbehandlung ab.


Für viele Ärzte wurde die Studie Anstoss für eine selbstkritischere Gangart. Nicht nur weil schon frühere Untersuchungen Zweifel am Nutzen der Hormontherapie hatten aufkommen lassen. Sondern auch und gerade weil die Begründung für die Wirksamkeit einer Hormonbehandlung zwar logisch klang aber offensichtlich doch falsch war.
"Wissenschaft arbeitet mit Zusammenhängen." sagt Dr. Lynn Rosenberg von der Sloan Epidemiology Unit der Boston University. "Im Fall der Hormonbehandlung waren eben viele davon überzeugt, dass weibliche Hormone das Risiko von Herzinfarkten reduzieren müssen, weil Frauen erst in deutlich höherem Alter als Männer Infarktopfer werden."


Dass solch ansprechende Logik nicht immer zu den richtigen Schlüssen führt, zeigt die Studie der Women's Health Initiative. Sie war die erste, die die Hormontherapie zum Gegenstand einer klinischen Untersuchung machte, in der Zufallsauswahl und die Verwendung von Placebos eine Rolle spielten. Diese Technik ist der Goldstandard der medizinischen Forschung.

Die Frage drängt sich auf, warum diese Technik nicht schon früher angewandt wurde. Der Grund waren rein statistische Auswertungen, die zu belegen schienen, dass Frauen, die keine Hormone zu sich nahmen, häufiger Opfer von Herzinfarkten wurden als hormonbehandelte Frauen. Warum widerspricht die statistische der klinischen Untersuchung? Vielleicht sind jene Frauen, denen eine Hormonbehandlung verschrieben wurde, generell gesünder. Vielleicht leben jene, die über längere Zeit ihre Hormone einnahmen, gesundheitsbewußter. "Wann immer wir gesunde Menschen behandeln, um sie vor einer Krankheit zu schützen, die sie vielleicht auch ohne Behandlung nie befallen würde, brauchen wir unbedingt klinische Untersuchungen." schlußfolgert Dr. Elizabeth Barrett Connor von der University of California, San Diego.


Das stärkt nicht gerade unser Vertauen in jene Behandlungen, die unsere Ärzte uns heute auf der Basis rein statistischer Auswertungen empfehlen. Dazu gehört zum Beispiel die vorbeugende Behandlung von Alzheimer mit Östrogen oder die von Krebs und Herzerkrankung mit Vitamin E.


Sollten wir vielleicht doch weniger auf Pillen vertrauen und mehr auf eine gesunde Ernährung, für die wir genetisch gebaut sind?
Wenn sich in Folge der hier erläuterten Erkenntnisse über die Zuverlässigkeit dosierter Vitamin- und Hormongaben mehr Menschen diese Frage stellen, dann war die Nachricht des Jahres 2002 trotz all der negativen Aspekte eine gute.

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