| Millionen
älterer Frauen hatten fest daran geglaubt. Hormonpräparate,
speziell die Kombination von Östrogen und Progestin,
lindern die unangenehmen Begleiterscheinungen der Wechseljahre
und schützen gleichzeitig Herz und Knochen.
Dann kam der Schlag aus den Labors
der Women's Health Initiative in den USA. 16.600 Frauen jenseits
der 60 hatten jeweils entweder eine Hormonpille oder ein Placebo
verabreicht bekommen. Das Ergebnis war niederschmetternd.
Unter den hormonbehandelten Frauen gab es nicht nur mehr Herz-
und Krebserkrankungen sondern auch mehr Schlaganfälle
und Blutgerinnsel. Dass die Placebo einnehmenden Frauen etwas
häufiger an Darmkrebs und Knochenbrüchen litten
konnte die Hormontherapie nicht mehr retten.
In den wenigen Monaten seit Bekanntwerden der Studie haben
viele Frauen ihre Hormonbehandlungen abgebrochen, oder sich
geweigert eine solche zu beginnen. Dass die Frauen der Studie
alle älter als 60 Jahre waren, macht die Ergebnisse nicht
ohne weiteres übertragbar auf jüngere Frauen. Viele
beginnen ja bereits in den Fünfzigern mit der Einnahme
von Hormonen gegen Hitzewallungen und Nachtschweiß,
die unangenehmen und typischen Begleiterscheinungen der Wechseljahre.
Nichtsdestotrotz lehnen auch viele Frauen in dieser Altersgruppe
nun die Hormonbehandlung ab.
Für viele Ärzte wurde die Studie Anstoss für
eine selbstkritischere Gangart. Nicht nur weil schon frühere
Untersuchungen Zweifel am Nutzen der Hormontherapie hatten
aufkommen lassen. Sondern auch und gerade weil die Begründung
für die Wirksamkeit einer Hormonbehandlung zwar logisch
klang aber offensichtlich doch falsch war.
"Wissenschaft arbeitet mit Zusammenhängen."
sagt Dr. Lynn Rosenberg von der Sloan Epidemiology Unit der
Boston University. "Im Fall der Hormonbehandlung waren
eben viele davon überzeugt, dass weibliche Hormone das
Risiko von Herzinfarkten reduzieren müssen, weil Frauen
erst in deutlich höherem Alter als Männer Infarktopfer
werden."
Dass solch ansprechende Logik nicht immer zu den richtigen
Schlüssen führt, zeigt die Studie der Women's Health
Initiative. Sie war die erste, die die Hormontherapie zum
Gegenstand einer klinischen Untersuchung machte, in der Zufallsauswahl
und die Verwendung von Placebos eine Rolle spielten. Diese
Technik ist der Goldstandard der medizinischen Forschung.
Die Frage drängt sich auf,
warum diese Technik nicht schon früher angewandt wurde.
Der Grund waren rein statistische Auswertungen, die zu belegen
schienen, dass Frauen, die keine Hormone zu sich nahmen, häufiger
Opfer von Herzinfarkten wurden als hormonbehandelte Frauen.
Warum widerspricht die statistische der klinischen Untersuchung?
Vielleicht sind jene Frauen, denen eine Hormonbehandlung verschrieben
wurde, generell gesünder. Vielleicht leben jene, die
über längere Zeit ihre Hormone einnahmen, gesundheitsbewußter.
"Wann immer wir gesunde Menschen behandeln, um sie vor
einer Krankheit zu schützen, die sie vielleicht auch
ohne Behandlung nie befallen würde, brauchen wir unbedingt
klinische Untersuchungen." schlußfolgert Dr. Elizabeth
Barrett Connor von der University of California, San Diego.
Das stärkt nicht gerade unser Vertauen in jene Behandlungen,
die unsere Ärzte uns heute auf der Basis rein statistischer
Auswertungen empfehlen. Dazu gehört zum Beispiel die
vorbeugende Behandlung von Alzheimer mit Östrogen oder
die von Krebs und Herzerkrankung mit Vitamin E.
Sollten wir vielleicht doch weniger auf Pillen vertrauen und
mehr auf eine gesunde Ernährung, für die wir genetisch
gebaut sind?
Wenn sich in Folge der hier erläuterten Erkenntnisse
über die Zuverlässigkeit dosierter Vitamin- und
Hormongaben mehr Menschen diese Frage stellen, dann war die
Nachricht des Jahres 2002 trotz all der negativen Aspekte
eine gute.
Copyright 2002, ipk GmbH,
all rights reserved. Republication or redistribution including
by caching, framing or similar means, is expressly prohibited
without the prior written consent of ipk GmbH.
|