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"Kaffee hilft Frauen gegen Darmkrebs" vs "Kaffee fördert Osteoporose", ja was denn nun?
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 01/2003

Kaffee ist gut. Besonders für Frauen, denn die halbieren mit einer Tasse Kaffee am Tag ihr Darmkrebsrisiko.

Das jedenfalls glauben die Forscher der medizinischen Fakultät an Japans Gifu Universität. Kaffee ist schlecht. Das haben wir bis vor Kurzem noch gehört. Und daran geglaubt, dass ...

... es den Cholesterinspiegel erhöhe, Osteoporose begünstige und Herzkrankheiten und Magengeschwüre verursache. Was können wir den Gelehrten nun wirklich glauben?

Die Antwort dazu kriegen Sie gleich. Und nebenbei auch die Antwort zu der Frage, warum wir mit diesem "rin in die Kartoffeln und raus aus die Kartoffeln" leben müssen.


Was ist nun wirklich dran am Heilkaffee?
Die Forscher der Gifu Universität haben die Ess- und Trinkgewohnheiten von 14.000 Männern und 16.000 Frauen; alle älter als 35 Jahre, 10 Jahre lang beobachtet. Sie wollten wissen, ob ein Verhältnis nachweisbar ist zwischen Nahrungsaufnahme und Darmkrebsrisiko. Dazu teilten sie die Männer und Frauen in drei Gruppen ein: Kaffeeabstinenzler, solche die weniger als eine Tasse Kaffe und solche die eine Tasse oder mehr pro Tag tranken.

Die Forscher bereinigten die statistischen Daten um Körpergröße und Gewicht, sowie um Alkohol- und Zigarettenkonsum. Das Ergebnis zeigte ein um 50% reduziertes Darmkrebsrisiko für jene Frauen, die eine oder mehr Tassen Kaffee am Tag tranken. Bei Männern führte der Kaffeekonsum zu keiner nachweisbaren Risikoverringerung.


Was macht uns hier stutzig? Die Vorliebe des Kaffee für Frauen. Nicht dass wir Männer neidisch wären. Schließlich haben wir, zumindest die Meisten von uns, ja auch eine Vorliebe für Frauen.
Erstaunen tut uns nur, dass es die Flavonoide, also die sekundären Pflanzenstoffe, sein sollen, die den Kaffee zum Heilsbringer machen.

Dass die sekundären Pflanzenstoffe alles andere sind als zweite Wahl, spricht sich ja so langsam herum (siehe dazu auch das Buch "Null Bock auf Diät"). Eine geschlechtsspezifische Vorliebe, aber konnten die Wissenschaftler den Flavonoiden bislang aus keiner ihrer Untersuchungen zurechnen. Ganz im Gegenteil. Flavonoide sind der Natur raffinierte und effektivste Geschütze gegen alle möglichen Krankheiten, bei Frauen wie Männern.


Woran mag es nun liegen dass ernst zu nehmende Wissenschaftler zu einem solch überraschenden Ergebnis kommen? Liegt's vielleicht am Sponsor? Die Frage ist nicht unberechtigt. Wissenschaftliche Forschung muss bezahlt werden. Und oft sind es Firmen mit handfesten kommerziellen Interessen, die hinter den verblüffendsten Ergebnissen stehen. Wenn Mars M&M einen Professor (Ramon Segura, Uni Barcelona) beauftragt Schokolade zu analysieren, dann rechnet der ein bisschen in den Statistiken herum und empfiehlt Ihnen eine tägliche Portion Schokolade, weil das Ihrem Herzen gut tut. Lesen Sie unseren Artikel dazu.

Und wenn ausgerechnet in den Schweizer Labors der Firma Nestle Wisssenschaftler feststellen, dass der Instantkaffee ihres Arbeitgebers 4 mal gesünder ist als grüner Tee, dann wundert das auch keinen. Zumindest keinen, dem noch ein bisschen eigenständiges Denken geblieben ist.

Im Mekka der Teezeremonie könnte man sich schon einen Kaffeeproduzenten vorstellen, der die Hausfrauen gerne auf einen anderen Geschmack brächte. Doch genug des Sarkasmus. Zwar wissen wir nicht, wer hinter der Untersuchung als Geldgeber steckt, aber gehen wir einfach mal davon aus, dass alles seine Richtigkeit hat und die Unabhängigkeit der Forschung gewahrt blieb. Somit müssen wir uns woanders nach den Ursachen solcher verblüffender Untersuchungsergebnisse umsehen.
Die Erklärung könnte aus einer benachbarten wissenschaftlichen Fakultät kommen - der Psychologie.


Die Psychologen kennen zwei relevante Phänomene: die soziale Präsentation und die illusorische Kovariation. Nun schalten Sie nicht gleich ab. Ich erklär' Ihnen das auf Deutsch, damit Sie aus diesem Artikel ein bleibendes 'Aha'-Erlebnis in Ihre Zukunft als kritischer Leser wissenschaftlicher Sensationsmeldungen mitnehmen können.


Kovariation ist Akademikerkauderwelsch für gegenseitig abhängige Veränderung von zwei oder mehreren Faktoren. Nehmen wir ein Beispiel: Wer Alkohol trinkt, wird mehr oder weniger blau und läuft vielleicht auch noch singend durch die Strassen. Die Faktoren "blau" und "singen" ändern sich in Abhängigkeit vom Faktor "Alkohol trinken". Die drei stehen also in einem ursächlichen Verhältnis. Und damit ist die Schlußfolgerung des Streifenpolizisten korrekt, wenn der feststellt, dass Sie mehr als das erwähnte Achtele getrunken haben müssen, da die Pustetüte 2 Promille anzeigt. Nicht korrekt wäre die Schlussfolgerung, dass vermehrtes Singen zu verstärktem "blau sein" geführt habe. Diese Schlussfolgerung wäre eine illusorische Kovariation.

Nun hat es der Streifenpolizist wesentlich einfacher als die japanischen Kaffeeforscher. Die müssen nämlich aus den vielen Faktoren, die die gesundheitliche Entwicklung ihrer Probanden bestimmen, ein paar herauspicken, mit denen sie dann ihre Statistikrechner füttern. Gesundheitsrelevante Faktoren, wie Sport, beruflicher oder familiärer Stress und was die Mädels in den ersten 35 Jahren ihres Lebens gegessen oder getrunken haben, fielen unter den Tisch. Damit wissen wir also nicht, ob die gewählte Kovariation auch eine echte war oder eine illusorische.

Was wir von den Psychologen wissen, ist, dass wir Menschen zu (illusorischen) Kovariationen neigen. Ganz besonders im Angesicht bedrohlicher Situationen. Das macht Sinn, denn sobald wir die erklären können, haben wir sie unter Kontrolle. Doch je größer die Bedrohung desto schneller schießen wir. Und je schneller man schießt, umso eher schießt man daneben.

Die Bedrohung, die von Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfall ausgeht ist real und uns allen bewußt. Dass die Wissenschaftler also schnelle und deshalb vielleicht voreilige Schlüsse ziehen, liegt in ihrer Natur. Und dass wir deren Schnellschüsse so bereitwillig aufgreifen ist ebenso ein Aspekt des menschlichen psychischen Strickmusters.

Der heißt soziale Repräsentation und funktioniert so: wir tendieren dazu, das Unbekannte, Ungewohnte und Komplizierte in unserer Umwelt, uns bekannt, gewohnt und einfach verständlich zu machen. Der komplexe Zusammenhang zwischen dem, was wir essen und den komplizierten biologischen und medizinischen Mechanismen unseres Körpers schreit geradezu nach einer jedermann verständlichen Erklärung, einer sozialen Repräsentation. Und sobald uns einer sagt, dass eine Tasse Kaffee am Tag uns die Sorge über den Darmkrebs nimmt, greifen wir das bereitwillig auf und glauben daran.
So wie wir früher eben daran geglaubt hatten, dass wir den Kaffee meiden müssen, weil der unseren Cholesterinspiegel erhöht, Osteoporose begünstigt und Magengeschwüre verurusacht. All diese Aussagen sind in einer Vielzahl unterschiedlichster Untersuchungen entkräftigt worden.

In den früheren Untersuchungen steckten eben illusorische Kovariationen. Je mehr Faktoren die Forscher in ihre Untersuchungen einbeziehen konnten, um so mehr dieser illusorischen Kovariationen konnten sie entlarven. Bis wir allerdings alle, und dazu gehören auch die individuellen genetischen, Faktoren berücksichtigen können, sind wir noch weit weg von der "Weisheit letztem Schluß". Und deshalb sollten Sie immer auf ein paar Überraschungen gefasst sein. Mit einer guten Tasse Kaffee, kriegen Sie das aber bestimmt in den Griff. Zumindest solange bis der nächste Schuss eben den Kaffee wieder trifft.

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