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Droge Fastfood: "Fett und Zucker machen süchtig!"
Feature Artikel von Lutz E. Kraushaar. 01/2003

Wissenschaftler haben herausgefunden, warum wir trotz aller Warnungen vor den Folgen des Übergewichts immer zu dem greifen, was uns dick macht:

Fastfood und kalorienreiche Ernährung können zu Veränderungen im Hormonhaushalt führen, die uns die Kontrolle über unser Essverhalten entziehen.

Seit Anfang der 90er Jahre wissen wir, dass das Hormon Leptin als Hungerbremse auf jenen Teil des Gehirns wirkt, der unser Essverhalten steuert. Seit einigen Tagen wissen wir nun auch, dass Mäusehirne schon nach drei Tagen fettreichen Futters die Fähigkeit verlieren, auf das Leptinsignal "satt" zu hören. Das erklärt, warum die Antifettpille "Leptin", von der unsere Ärzte nach der Entdeckung des Hormons zunächst träumten, wirkungslos blieb. Ein tauber Soldat hört eben auch die lautesten Befehle nicht.


"Je dicker Du wirst, umso widerstandsfähiger wirst Du gegen Leptin." zitiert der "New Scientist" einen der Forscher an New Yorks Einstein College of Medicine in einer Veröffentlichung vom 1. Februar 2003.
Sarah Leibowitz, Neurobilogin der Rockefeller Universität in New York, hat herausgefunden, dass die Konzentration von Galanin, dem Gegenspieler des Leptin, der die Nahrungsaufnahme stimuliert und die Fettverbrennung drosselt, bereits nach einer einzigen fetten Mahlzeit zunimmt. Leibowitzs Forschung zeigt auch, dass Mäuse, die in der Wachstumsphase hochkalorisch ernährt wurden, ihr dick machendes Futterverhalten im Erwachsenenstadium beibehielten.
Und Mäuse, die von einer fett- und zuckerreichen Ernährung plötzlich auf frugale Kost umgestellt wurden, zeigten die gleichen Zittererscheinungen wie Drogensüchtige zu Beginn einer Entziehungskur.


"Die Schlußfolgerung daraus ist, dass Tiere - und damit wahrscheinlich auch der Mensch - eine übermäßige Abhängigkeit von süßen Nahrungsmitteln entwickeln." meint Luciano Rossetti im 'New Scientist'.
Ein Neurologe der Universität von Wisconsin wies nach, dass die Gehirne von Mäusen, die über längere Zeit fett- und zuckerreich ernährt worden waren, die gleichen chemischen Veränderungen zeigten wie die Gehirne von Drogenabhängigen.
Und John Hoebel, Psychologe der Princeton Universität in New Jersey, bestätigt: "Extrem schmackhaftes Essen sowie starke sexuelle Reize sind die einzigen Stimulantien, die das Dopaminsystem unseres Hirns in ähnlicher Weise beeinflussen wie suchterzeugende Drogen."


Andere Wissenschaftler sind vom Suchtpotential der Burgers und Softdrinks allerdings noch nicht ganz überzeugt. "Mit den wenigen uns vorliegenden Erkenntnissen bleibt die Beweislast bei den Befürwortern des Suchtarguments" meint Michael Jacobson Direktor des Zentrums Wissenschaft für die Öffentlichkeit (Centre for Science in the Public Interest; www.cspinet.org), einer Lobbyistengruppe in Washington.


Dass sich bereits seine Kollegen der Nahrungsmittellobby mit dem Zucker und dem Fett in unserer Nahrung beschäftigen, zeigt wie explosiv das Thema ist, und wie mächtig der Einfluß der Futterfabrikanten.
Marion Nestle (keine Beziehung zu den Gründern des Nestle Konzerns), Vorsitzende der Abteilung für Ernährung der New Yorker Universität, schreibt in ihrem Buch 'Food Politics', dass die öffentlichen Gesundheitsorganisationen in den USA ihrer Bevölkerung seit rund 50 Jahren Eines klar machen wollen: weniger zu essen. Wer hält sie davon ab? Die Nahrungsmittelindustrie. Alleine die Fleischlobby spendiert den Politikern mehrere Millionen Dollar jedes Jahr. Und schon wird aus der Aufforderung "esst weniger rotes Fleisch" ein wesentlich profitableres "esst mehr mageres Fleisch". Und wer den Bürgern in Werbespots und Anzeigen erklärt, dass Fastfood "Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung" sein kann, lügt zwar nicht, verschweigt aber 90% der Wahrheit. Denn nahezu alles kann "Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung" sein, auch ein Burger. Nur eben dann nicht, wenn Burgers die Hälfte aller Kalorien liefern.


3900 Kalorien produziert die US amerikanische Nahrungmittelindustrie pro Kopf und Tag für ihre Bevölkerung. US$ 4,5 Milliarden lässt sie sich alleine die Werbung dafür kosten und weitere US$ 50 Millionen für die Lobbys in Washington. Wer allen Ernstes glaubt, dass diese Nahrungsmittelindustrie an unserer Gesundheit interessiert ist, träumt. Wie jede Industrie lebt sie vom Wachstum. Wachsen können die Umsätze unserer Futterfabrikanten aber nur, wenn wir auch mehr essen. Kein Wunder, dass die Burgers, Pizzas und "Big Gulp" Becher immer größer werden. Und kein Wunder, dass sich die Opfer der Freßsucht zu wehren beginnen und ihren Kampf gegen die, wie sei meinen, unlauteren Methoden der Pepsis und Macdonalds in die Gerichtshöfe tragen. Bislang gingen die Beklagten, ein arrogantes Lächeln auf den Lippen, als Sieger aus den ungleichen Duellen hervor.


Egal ob der zuckerkranke deutsche Richter Brinkmann mit seiner Klage gegen Coca Cola und Masterfoods, oder der 180 Kilo schwere US Teenager Rhymes mit seiner Klage gegen Macdonalds. Sie alle scheiterten am nicht ganz unbegründeten Einwand, dass jeder selbst für sein Verhalten, und damit auch für sein Essverhalten, verantwortlich sei. Aber das hatten auch die Tabakkonzerne gemeint, bevor sie sich mit dem Staat auf eine US$ 246 Milliarden Schadensersatzzahlung einigen mussten. Was deren Hochmut zu Fall gebracht hatte waren Indiskretionen aus den eigenen Reihen, die belegten, dass die Glimmstengelproduzenten, mit vollem Wissen von der suchterzeugenden Wirkung des Nikotin, ihre Zigaretten mit zusätzlichem Nikotin anreicherten.


Je größer die Welle öffentlichen Unmuts über die Nahrungsmittelindustrie umso größer die Chance, dass auch aus deren Labors Dokumente auftauchen, die die absichtliche Beimischung von Zucker und Fett als suchterzeugende Stoffe belegen. Dass 40 Zuckerwürfel in jedem Liter Cola schwimmen ist ja schlimm genug. Aber dass auch 100 Gramm Tomatenketchup rund 10 Zuckerwürfel verstecken, ist nicht ganz einzusehen. Wer würde sich da allen Ernstes wundern, wenn herauskäme, dass Macdonalds den Ketchup deshalb so freizügig verteilt, weil es vom Suchtpotential des Zuckers weiß.
Erst wenn dieser Nachweis erbracht ist, werden die Richter und Juroren die Nahrungsmittelindustrie das Fürchten lehren. Trotzdem sieht es für die nicht ganz so schlecht aus wie für die Zigarettendreher. Denn einen wesentlichen Unterschied gibt es zwischen den beiden: aus einer Glimmstengelfabrik kann kein gesundes Produkt kommen, von den Fließbändern der Futterfabrikanten schon.

Bis dahin werden wir aber noch einige Jahre Geduld haben müssen. Doch einen Trost haben wir bis dahin auch: die Forschung zeigt wieder mal, dass schlank sein im Kopf beginnt. Und wer erst mal erkannt hat warum die Lust auf das was dick macht stärker ist als alle guten Vorsätze, der kann diese Lust auch aushebeln. Wie das geht, steht in dem Buch "Null Bock auf Diät".

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